Die Geschichte des Tibetischen Yogas  (Tibet.: Lu Jong oder Tsa Lung genannt)

 

Der Ursprung 

Lu Jong hat seinen Ursprung hauptsächlich in zwei Traditionen. Einerseits in der Bön Tradition, andererseits in der Tradition des Buddha Shakyamuni.

 

Der Lukhang – „Tempel der Schlangengeister“ – ragt aus einem dichten Weidenbaumgehölz auf einer Insel des hinter dem Potala-Palast der tibetischen Hauptstadt Lhasa liegenden Sees empor. Seine Heiligkeit der Dalai Lama nannte diesen wenig bekannten Tempel eines der verborgenen Juwele der tibetischen Kultur. Im obersten Stockwerk, in das man über eine spiegelblank polierte Holzleiter mit Falltür gelangt, befindet sich ein kleiner Raum, in den sich die tibetischen Dalai Lamas in Meditationsklausur zurückzuziehen pflegten Schon vor drei Jahrhunderten schmückten namelose Knstler die Wände dieses geheimen Raumes mit aussergewähnlichen schönen, in der tibetischen Kunst einzigartigen Gemälden aus, Diese Wandmalereie inspiriereten die einander folgenden Inkarnationen der tibetischen Dalai Lamas auf ihrem Pfad zur Erleuchtung.

 

Ursprünglich durften nur die Dalai Lamas und ihre engsten Vertrauten diese Malereien betrachten, ähnlich wie die religiösen Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom vor allem für die Augen der Päpste bestimmt waren. Wie das Sankturarium im Vatikan ist auch dieses tibetische Heiligtum heute allgemein zugänglich. Früher gelangte man nur in kleinen Booten dorthin, jetzt überqueren die Pilger eine Fussgängerbrücke in chinesichem Stil und umwandern dann die kleine Insel auf ihrem Weg zur Kapelle im obersten Stockwerk des Lukhang. Mit Butterlampen ausgerüstet schreiten sie an den Wänden des geweihten Raums vorbei, können jedoch die Gemälde dabei kaum sehen, da diese weitgehend von Schutzgittern aus Holz und Stacheldraht verdeckt sind.

 

Mit den aussergewöhnlichen Wandgemälden des Lukhang-Tempels wurden in unserer Zeit die Körperübungen im Westen bekannt, welcher früher einer den tibetischen Dalai Lamas vorbehaltenen Meditaionsklause. Auf diesen Wandbildern dargestellen spirituellen Praktiken gehören zur höchsten Stufe des tibetischen Tantra und hier insbesondere zur Dzogchen-Schule (einer der ältesten Traditionen des tibetischen Buddhismus) , der Lehre der „Grossen Vollendung“. Seine Heiligkeit der Dalai Lama betont, diese Praktiken seien traditionell geheim gehalten worden, da ihre Ausübung ohne richtige  Unterweisung zu Missverständnissen führt. Richtig praktiziert jedoch, sollen diese Techniken den Yogi schnell zur vollständigen Befreiung von Körper, Rede und Geist führen. Heute lässt sich Missverständnissen im Zusammenhang mit dem Tantra am besten vorbeugen, wenn man seine Geheimnisse in aller Behutsamkeit enthüllt. So gab der Dalai Lama sein Einverständnis, diese Bilder aus dem Lukhang einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

In den Tantras der Dzogchen-Schule heisst es: „Der klare, erwachte Geist ist stets gegenwärtig, wir müssen uns dessen nur bewusst werden“.